Statement

Zur Entstehung dieses Statements

Wir möchten uns zu dem Statement, das von einigen ehemaligen Mitgliedern des IRGENDWO veröffentlicht wurde, positionieren. Es tut uns leid, dass wir solange gebraucht haben, uns öffentlich zu äußern. Es ist uns in der aktuellen Crew schwer gefallen zu ergründen, wie genau wir uns zu dem Statement verhalten sollen. Unser Wunsch war und ist es, den Konflikt nicht öffentlich, sondern im persönlichen Gespräch zu lösen – das scheint gerade schwer möglich. Wir hoffen, dass es auf lange Sicht zu einer friedlichen Einigung kommt. 

Unsere Reaktion auf die Themen sind unter der jeweiligen Überschrift zu lesen.

Der aktuelle Konflikt und dessen Einordnung

Wir nehmen das veröffentlichte Statement sehr ernst. Die darin enthaltene berechtigte Kritik nehmen wir zum Anlass, uns und die Strukturen im IRGENDWO zu hinterfragen und auch zu ändern. Teile des veröffentlichten Statements einiger ehemaliger Mitglieder halten wir für falsch und erklären im Verlauf dieses Textes warum. 

Es kursieren neben dem veröffentlichten Statement anonyme Briefe an Unterstützer*innen, Artists und viele mehr. Da die meisten Aussagen anonym verbreitet werden, bestimmte Menschen nicht mehr miteinander sprechen und sich der Diskurs komplett in den öffentlichen Raum verlagert hat, können wir auf die Vorwürfe kaum reagieren.

Wir sehen den Konflikt, der dazu geführt hat, dass Menschen die Crew und das Netzwerk des IRGENDWO verlassen haben, und dessen Eskalation als Ausdruck tiefgreifender Differenzen und Machtkämpfe, die eine lange Geschichte haben. 

Mit der Zusage der längerfristigen Nutzung der Fläche an der Amelie-Beese-Straße in 2021 zeigten sich die unterschiedlichen Vorstellungen über die Ziele und Strukturen des Projekts im Kollektiv immer deutlicher. Es bildeten sich zwei erkennbare Lager heraus, die auch politisch unterschiedliche Positionen innerhalb des linken Spektrums einnahmen:

Für die einen stand das eigene Kollektiv im Vordergrund, für die anderen war die Durchführung von Veranstaltungen, die Öffnung für Kooperationen und die Bespielung der Fläche Schwerpunkt. Außerdem bestand keine Einigung darüber, wie viel Verantwortung oder Macht einzelne Personen innerhalb des Kollektivs übernehmen sollten und wie dementsprechend das Bezahl- und Verantwortungssystem gestaltet werden sollte. 

Aus unserer Sicht hat dies dazu geführt, dass sich die internen Differenzen verschärften, die zu immer mehr Konflikten zwischen den Crewmitgliedern führten.

Positionierung zu den Vorwürfen

Was zurzeit die Diskussion um das IRGENDWO beherrscht, ist der Vorwurf des Sexismus. Dies verschleiert aus unserer Sicht den eigentlichen Konflikt. Um hier Unsicherheiten abzubauen, schildern wir euch die genaue Situation, auf die sich einige ehemalige Kollektivmitglieder beziehen:

Person A: Eine weiblich gelesene Person aus AG Politik/Genehmigung

Person B: Ein weiblich gelesenes Mitglied von AG Bezahlung

Am 15.03.2022 kam es im (wöchentlichen) Online-Plenum zu einem heftigen Konflikt: AG Politik/Genehmigungen wurde im Plenum (vor allem) von AG Bezahlung wiederholt kritisiert. Person A. äußerte, dass sie sich ausgegrenzt fühlt und mit der heftigen Kritik nicht mehr umgehen kann. Dann verließ A. das Plenum. Im Chat bat A. Person B. um Verständnis für ihre Situation und äußerte, dass im Kollektiv strukturelles Mobbing gegen AG Politik/Genehmigungen passiere (Sie schrieb von Schikane, Ausgrenzung, andauernder Kritik). Person B. antwortete im Chat nicht auf die Nachricht, gab aber in der Schlussrunde des Plenums Teile daraus wieder – dabei lächelte sie und sagte, die Vorwürfe seien ungerechtfertigt. Es entstand bei einigen das Gefühl, dass B. sich über die Nachricht im Chat lustig mache. Felix (männlich gelesen; auch AG Politik/Genehmigungen) ergriff das Wort und sagte, die Schlussrunde sei kein passender Ort, da keine Möglichkeit zur Diskussion bestehe. Er wurde unterbrochen und auf die Regeln der Schlussrunde verwiesen (Keine Diskussion, keine Nachfragen). Im Affekt äußerte Felix Person B. gegenüber: “Wenn du so grinst mit deiner hässlichen Fresse, bist du ja selber Schuld”. Ein anderes weiblich gelesenes Crew-Mitglied begann daraufhin Felix zu beleidigen. Felix verließ das Plenum und bat in der Woche darauf bei Person B. um Entschuldigung.

Von einigen Personen wurde die Beleidigung als sexistisch aufgefasst und die betroffene Person verließ das Projekt. Sie begründete dies damit, dass sie sich im Projekt, solange Felix noch dort arbeite, nicht mehr wohl fühle. Felix bat die Betroffene um Entschuldigung, eine Mediation wurde mit der gesamten Crew begonnen, aber von der „Gegenseite“ nicht weitergeführt. Stattdessen beriefen einige Crewmitglieder eine Mitgliederversammlung ein, mit dem Ziel, Felix für sechs Monate aus dem Projekt auszuschließen. Der Antrag wurde per Mehrheitsentscheid abgelehnt – wie bereits zuvor im Crewplenum. Nach der Mitgliederversammlung verließen die Personen das Projekt, die den Rauswurf von Felix hatten erreichen wollen.

Dies war und ist aber der einzige, uns bekannte, im Kollektiv geäußerte Vorwurf des Sexismus gegenüber Felix und bezieht sich auf den oben genannten Vorfall. Er wurde zu keiner Zeit von irgendeiner anderen Person im Projekt beschuldigt, sexistisch zu handeln oder sich so zu äußern.

Wir sind mit der genannten Äußerung absolut nicht einverstanden und verurteilen diese. Es handelt sich um die Äußerung einer einzelnen Person, mit der wir als Kollektiv nicht mitgehen. Gleichzeitig möchten wir Verantwortung übernehmen und bitten um Entschuldigung für die Verletzungen, die dies bei den Beteiligten verursacht hat. Wir erkennen an, dass einige diese Äußerung als sexistisch aufgefasst haben und bedauern, dass es zu diesem Vorfall gekommen ist und der interne Konflikt nicht gelöst werden konnte.

Wir sprechen der von der sexistischen Beleidigung Betroffenen ihre Deutungshoheit über den genannten Konflikt nicht ab. Gleichzeitig halten wir einen pauschalisierten Sexismusvorwurf gegen das IRGENDWO nicht für angemessen. Eine einzige beleidigende Äußerung einer einzelnen Person in einem internen Konflikt ist aus unserer Sicht nicht ausschlaggebend, um das IRGENDWO und das dortige Kollektiv als sexistisch zu labeln und das IRGENDWO nicht mehr als safespace für FLINTA* Personen anzusehen. 

Umgang mit Sexismus im IRGENDWO

Sexismus, Diskriminierung und Ausgrenzung lehnen wir im IRGENDWO in jeglicher Form ab! Wir bemühen uns darum, dass das IRGENDWO ein Ort ist, der keinen Raum für Sexismus, Diskriminierung und Ausgrenzung lässt und wir setzen uns gemeinsam dafür ein, diese Tendenzen frühzeitig zu erkennen und abzubauen. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass das IRGENDWO und die Menschen im Projekt nicht frei von Sexismus sind, da wir alle in einer sexistischen Gesellschaft aufwachsen und leben. Wir alle können hier nicht genug lernen. Jede*r von uns steht hier an unterschiedlichen Punkten in diesem Reflexionsprozess. Wir bitten euch um Verständnis, dass dieser Prozess Zeit braucht. Wir sind hierbei für Input und Unterstützung offen und dankbar.

Wir möchten im IRGENDWO einen sicheren Ort für alle Menschen schaffen. Wir arbeiten immer wieder an unserem Awarenesskonzept und bemühen uns mit allen Kräften darum, Diskriminierung und andere Ausgrenzungsmechanismen abzubauen. Sollte sich eine Person bei uns nicht sicher fühlen, bitten wir darum, mit uns in Kontakt zu treten. 

Wir werden das vorhandene Awarenesskonzept auf die Crew und das Netzwerk ausdehnen. Es wird weiterhin eine AG für Awareness und Teamcare geben. Dieser AG wird nun ein besonderer Stellenwert eingeräumt und sie wird sich gezielt mit der Reaktion auf und in der Prävention von sexistischem Verhalten weiterbilden.

Ausschluss von Crewmitgliedern

Die jetzige Crew sieht den Ausschluss einer Person aus dem Kollektiv nicht als gerechtfertigte Maßnahme an, solange die Person bereit ist, Konsequenzen für ihr Verhalten zu tragen und das Verhalten in Zukunft zu ändern. Eine Person, die wiederholt durch sexistisches oder anderes schädliches Verhalten auffällt, ist in unserem Kollektiv dagegen falsch und nicht haltbar. Ein Ausschluss ist eine Maßnahme die nur ergriffen werden sollte, wenn keine andere Möglichkeit gesehen wird, weiter mit der jeweiligen Person zusammen zu arbeiten. Wir sehen die Beleidigung als Entgleisung an, die nicht die Position der aussagenden Person widerspiegelt. Die Person, die die Aussage getätigt hat, hat aufrichtig um Entschuldigung gebeten. Unserer Wahrnehmung nach ist der Versuch, den genannten Konflikt über den Ausschluss einer Person zu klären und das nachträgliche Diffamieren dieser Person, der falsche Weg, um diesen Konflikt zu lösen. 

Umgang mit Macht 

Wie in den meisten Kollektiven gibt es Unterschiede in Hinblick auf die jeweils investierte Zeit und die Übernahme von Verantwortung. Daraus ergeben sich unterschiedliche Einflussmöglichkeiten und Wissenshierarchien. Felix hat als Mitbegründer des Projektes im IRGENDWO in den letzten Jahren überdurchschnittlich viel Zeit investiert und viel Verantwortung übernommen. Dies sehen wir durchaus kritisch, da wir ein möglichst hierarchiearmer Raum sein wollen und sind dabei, diese Strukturen zu ändern. Wir erkennen gleichzeitig an, dass das Projekt durch die Übernahme besonderer Verantwortung maßgeblich vorangetrieben wurde; Aufgaben übernommen wurden, die andere Menschen nicht übernehmen wollten oder konnten und dadurch andere Beteiligte erheblich entlastet wurden. 

Die Umverteilung von Aufgaben hat bereits begonnen. Eine ausgewogene Einflussmöglichkeit innerhalb des Kollektivs auf Entscheidungen ist unser Ziel. Wir arbeiten nun daran, Machtungleichgewichte schneller zu erkennen und aufzulösen. In Fällen, wo es darum geht, dass Menschen aufgrund von Erfahrung und Kompetenz Entscheidungen treffen, möchten wir aber offen sein, diesen Vertrauen zu schenken, um handlungsfähig zu bleiben. 

Wir sehen, dass beispielsweise eine Machtverteilung in Hinblick auf Geschlechterrollen dazu führt, dass Hierarchien entstehen, die gesellschaftlich nach wie vor existente sexistische Strukturen reproduzieren. Daher setzen wir uns für eine Gleichverteilung verantwortlicher Rollen im Projekt qua Geschlecht ein, um Sexismen entgegen zu wirken.

Umgang mit Bezahlung und Fördergeldern

Die Förderung von Kultur, Zugang zu Kultur für alle zu schaffen, Diskriminierung zu bekämpfen und vorzubeugen, ein Raum für freie Entfaltung zu sein und nicht gewinnorientiert zu arbeiten, sind in der jetzigen Crew ebenso an erster Stelle wie zuvor.

Durch zunehmende Professionalisierung und die Sicherung des Projektes IRGENDWO wurde es möglich, neue Förderungen und Zuschüsse zu beantragen. Das ist einerseits gut, weil wir so immer mehr Projekte und Veranstaltungen umsetzen konnten und mehr Menschen für ihre Arbeit entlohnen konnten. Auf der anderen Seite entstanden neue Anforderungen wie z.B. an eine ordentliche Buchhaltung, klare Zuständigkeiten im Team und teils knappe Fristen und Verbindlichkeiten gegenüber den Förderern. Es ist nicht nur in diesem Projekt schwer, sich gegen den Druck, der durch Förderanträge und die erwartete Anzahl und Qualität an Veranstaltungen und Projekten entsteht, zu wehren. 

Wir wollen kein „höher, weiter, schneller“ um jeden Preis. Wir gestehen uns ein, dass wir uns in einigen Fällen einer sog. „kapitalistischen Verwertungslogik“ nicht entziehen können, weil wir in einer kapitalistisch organisierten Welt leben. Aber wir reflektieren diesen Zwiespalt und wehren uns dagegen. Wir werben keine Förderungen ein, um immer mehr Geld zu sammeln oder riesige Gehälter/Stellen zu schaffen, sondern refinanzieren damit unsere Kosten, die für den Ausbau und Erhalt der Fläche und die dort stattfindenden Veranstaltungen entstehen und ermöglichen damit vielen Menschen niedrigschwellig Zugang zu und Beteiligung an dem kulturellen Freiraum IRGENDWO.

Mit der Einwerbung von Förderungen möchten wir auch in Zukunft angemessene Honorare für Künstler*innen und Arbeiter*innen zahlen: das IRGENDWO soll den Menschen die es brauchen helfen, mit ihrer Arbeit ihren Lebensunterhalt co-finanzieren zu können – Menschen, die kein zusätzliches Gehalt benötigen, werden hier aber auch weiterhin ehrenamtlich tätig sein und auch die bezahlten Menschen leisten freiwillige Mehrarbeit, und zwar weil sie es wollen und es ihnen Freude bereitet, Teil des Projektes zu sein. 

Die Vorwürfe, dass eine Person sich durch die Verleihung eines Sprinters und Technik an dem Projekt bereichern würde, können wir nicht teilen. Die Konditionen der Verleihung wurden in schriftlichen Protokollen fixiert. Für die Nutzung des Sprinters und der Technik seiner GbR an das IRGENDWO wird es zukünftig eine vertragliche Regelung geben, um hier noch mehr Transparenz zu schaffen.

Subkultur und Kollektiv

Wir arbeiten weiter in einer hierarchiearmen Kollektivstruktur, in der eine Gruppe von Menschen gemeinsam die Entscheidungen des Projekts trifft. Das sog. Dienstagsplenum wird weitergeführt und hier werden zentrale Projektentscheidungen im Konsens getroffen. 

Das Projekt IRGENDWO ist und bleibt ein Ort für Kultur und Subkultur. Die Auswahl der Künstler*innen, Musiker*innen und DJs wird weiterhin so getroffen, dass ein breites Spektrum von Musik und Kunst gezeigt wird, das sich abseits des Mainstreams bewegt. Außerdem ist uns die Diversität der Künstler*innen wichtig.

Schlusswort

Wir als aktuelle Crew setzen uns gemeinsam dafür ein, Strukturen zu erarbeiten und Menschen zu finden, die dafür sorgen können, dass sich Verantwortung und damit die sogenannte Macht auf mehrere Menschen verteilt. Es ist Konsens, dass dies das mittelfristige Ziel des Projekts sein muss.

Die Unzufriedenheit über die seit Jahren bestehende Wissenshierarchie und Verantwortungs- oder Machtverteilung erkennen wir an. Wir werden uns konstruktiv, realistisch und Schritt-für-Schritt in eine Richtung bewegen, in der Verantwortung und Macht möglichst ausgeglichen verteilt sind.

Wir hoffen, dass alle, die das IRGENDWO besuchen, sich frei, sicher und wohl bei uns fühlen. Denn genau das ist es, was wir hier erreichen wollen! Einen Kulturort zu schaffen, an dem Menschen unabhängig von Einkommen, sozialem Status, kulturellem Kapital, Aussehen, sexueller Orientierung, Herkunft, körperlicher, geistiger oder psychischer Verfassung zusammenkommen und gemeinsam Kunst und Kultur schaffen und genießen!

Das sind unsere Perspektiven auf die Entstehung des Konflikts, die Austragung dessen und auf die Zukunft unseres Projektes.

An dieser Stelle möchten wir euch für eure Unterstützung danken und darum bitten, das IRGENDWO nicht aufzugeben. Kommt auf die Fläche, beteiligt euch, um gemeinsam einen Ort zu schaffen, an dem wir aufeinander achten, aufeinander hören und miteinander feiern!

Dies ist erst der Anfang und die Entwicklung einer funktionierenden kollektiven Struktur braucht Zeit und viel Beteiligung. Den Menschen, die sich gerade am Projekt beteiligen ist das “Beinahe-Zerbrechen” sehr nah gegangen. Uns allen ist es sehr wichtig, die genannten Themen anzugehen. Wir bitten euch um Verständnis, wenn wir an dieser Stelle noch nicht weiter sind. Wir halten euch über diesen Prozess gern auf dem Laufenden und laden euch ein, uns und unsere Strukturen kennen zu lernen und mitzugestalten.

EURE
IRGENDWO CREW